Gewalt und Revolution

, von Jacques Wajnsztejn

Veröffentlicht im : Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (AGWA), No.11 (1991). S.167-188

Der Text dieses Artikels wurde von Jacques Wajnsztejn aus seinen beiden Büchern Individu. Révolte et Terrorisme. Paris Nautilus 1987 (18 rue Oger, 92340 Bourg la Reine) und Paroles directes. Légitimité révolte et révolution : autour d’Action directe (Gemeinschafts­arbeit), Editions Acratie (BP 23, 64130 Mauléon) für die deutsche Übersetzung zusammengestellt. Aus dem Französischen von Elfi Müller und Michael T. Koltan.

Im folgenden werde ich versuchen, die Hindernisse und Fallen zu bestimmen, die sich jeder Bewegung bzw. jedem Individuum in den Weg stellen, die oder das sich in einem bestimmten Augenblick in direkter Konfrontation mit dem modernen demokratischen Staat wiederfindet. Diese Aporien werden zunächst von einem allgemeinen Gesichtspunkt her betrachtet und dann auf die Praxis der Gruppe „Action Directe“, d.h. auf die französischen Verhältnisse bezogen. Anschließend versuche ich, das Phänomen des bewaffneten Kampfes in den Rahmen der Individualisierung des kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisses zu stellen.

Legalität und Illegalität

Diese beiden Bereiche sind nicht eindeutig voneinander zu unterscheiden. Es ist kein Zufall, daß eine Bewegung oder eine Opposition als „außerhalb der Legalität stehend“ bezeichnet werden, um auszudrücken, daß sie aus dem von der Demokratie abgesteckten Rahmen heraustreten, ohne in den Bereich der Illegalität einzutreten; aber der Begriff „außerhalb der Legalität stehend“ wird der Komplexität der Frage nicht gerecht. Wenn man die BRD als Beispiel nimmt, stellt man fest, daß die gesamte außerparlamentarische Opposition in ihrer ersten Phase (1967-69) als außerhalb der Legalität stehend definiert wurde (Knast für ihre Anführer, dann die Berufsverbote usw.). Erst nach der von der Regierung erlassenen Amnestie vollzog sich der Bruch zwischen legaler Opposition und militantem, dann bewaffnetem Kampf. Eine außerhalb der Legalität stehende Opposition kann also existieren, aber ihre Kontinuität und ihre Existenz werden durch den Staat ständig in Frage gestellt. Sobald sie versucht, sich zu stabilisieren, Kontinuität zu gewinnen und sich zu organisieren, wird sie vom Staat teils integriert, teils kriminalisiert. Hier ist noch einmal die BRD als Beispiel erhellend: Auf der einen Seite wurde die RAF kriminalisiert, obwohl die Aktionen ihrer Mitglieder am Anfang relativ harmlos waren, was sie zu einer Flucht nach vorne drängte; auf der anderen Seite gab es die Integration der Ökopax-Bewegung in eine „Alternativszene“, was diese Bewegung in eine legale und parlamentarische Bewegung verwandelte.

Die Frage der Legitimität einer außerhalb der Legalität stehenden Opposition kann sich nur denjenigen stellen, die die Werte dieses „Rechtsstaates“ verinnerlicht haben oder die darin zumindest ein kleineres Übel sehen. Der daraus sich ergebende Standpunkt beurteilt jede Bewegung von außen, d.h. nach Maßgabe der mehr oder minder demokratischen Werte, die in ihm verkörpert sind. Dies hängt damit zusammen, daß die Idee der Revolution aufgegeben wird und damit auch jegliche Utopie als reales Projekt; und es ist auch kein Zufall, daß die Intellektuellen, die in Frankreich den bewaffneten Kampf im Namen der Demokratie am schärfsten verurteilen, ehemalige Anführer „gauchistischer“1 Gruppen waren, die sich heute im allgemeinen der sozialistischen Partei angeschlossen haben und sich an der Allmacht des „Rechtsstaates“ orientieren.

Umgekehrt ist es bei denen, die diesen Staat kritisieren:

– als „totalitäre Demokratie“ (Analyse der RAF und einiger Strömungen der westdeutschen Bewegung), die gleichzeitig Staatsterrorismus und Kriminalisierung der Kämpfe praktiziert;

– als einzige soziale Vermittlung im aktuellen Stadium des Individualisierungsprozesses, insofern sich die Individuen, die nicht mehr oder nur unvollständig unter ihre Klasse subsumiert sind, direkt auf den Staat beziehen.

Die Frage der Legitimität stellt sich um so weniger, je mehr jedes Individuum, jede Gruppe von Individuen, das bzw. die versucht, seine bzw. ihre Verweigerung und Revolte zum Ausdruck zu bringen, gezwungen ist, sich entweder in die Illegalität zu begeben, um einen punktuellen (militante Arbeiterkämpfe, Plünderungen in den Ghettos) oder einen definitiven Bruch zu vollziehen (die Illegalität des bewaffneten Kampfes als Unmöglichkeit der Umkehr und die Praxis im Untergrund), oder aber durch den Staat, die Medien und die famose „zivile Gesellschaft“ marginalisiert und zuweilen „kriminalisiert“ wird (ein Prozeß, den ich als Normalisierung bezeichne). Eigentlich ist der Begriff der „Opposition“ fehl am Platz, da er den Eindruck erweckt, als wäre diese Opposition etwas Offizielles, Strukturiertes, was nicht unbedingt der Fall sein muß. Der Begriff verweist auch zu sehr auf das traditionelle Gebiet der Politik (als gäbe es eine außerparlamentarische Opposition wie es eine parlamentarische gibt!).

Konkret existiert diese Opposition, wenn sie sich praktisch äußert, nicht außerhalb der Kämpfe, und diese Kämpfe wiederum stellen sich niemals abstrakt die Frage der Gewalt oder der Illegalität, sondern immer in bezug auf eine bestimmte Situation, Analyse und Perspektive.

Dies bedeutet auch, daß die Opposition nicht nur in der Form der Praxis existiert, sondern auch als theoretische Tätigkeit. Letztere stellt ein Element des Kampfes dar, auch wenn sie in unseren Gesellschaften fast immer legal bleibt: Ihr Hauptproblem ist ihre gesellschaftliche Verbreitung.

Illegalität an sich ist kein Zeichen von Radikalität (siehe z.B. bestimmte Kämpfe reicher Bauern und Händler, die nie vor illegalen Methoden zurückschrecken). In der partikularen Form des Illegalismus kommt vielmehr zu bestimmten Zeiten die Weigerung zum Ausdruck, sich einer Entwicklung zu unterwerfen, die der großen Masse sowohl notwendig wie auch wünschenswert erscheint.

Es ist schwierig, Illegalität allgemein zu definieren. Es wäre wichtiger zu wissen, was Illegalität heute in einer westlichen Demokratie bedeutet, denn die Frage der Illegalität kann man nicht abstrakt von einem nur theoretischen Standpunkt aus stellen; außerdem kann man nicht alle konkreten Situationen auf ein und dieselbe allgemeine Situation reduzieren (wie z.B. die „Gauche Prolétarienne“2, die den „Neuen Volkswiderstand“ als Fortsetzung der R6sistence bezeichnete, oder die Brüder Halphen, die behaupteten, ihre Beteiligung an der „Action Directe“ sei die logische Folge der antifaschistischen Vergangenheit ihrer jüdischen und kommunistischen Eltern).

Im vorangegangenen Stadium der Vergesellschaftung arbeiteten selbst die Protestbewegungen dem System in die Hände, die Revolution diente ihrer eigenen Konterrevolution als Motor (vgl. unterschiedliche Bewegungen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre); die gewaltsamen Formen des Protests und die Ablehnung der Institutionen endeten in einer verfrühten Umstrukturierung auf höherem Niveau. Das Neue an der derzeitigen Situation ist, daß das gesellschaftliche Verhältnis vereinheitlicht zu sein scheint, und zwar in dem Sinne, daß die gesellschaftlichen Widersprüche und Hauptkonflikte in einer doppelten Bewegung von Individualisierung und Normalisierung als gelöst erscheinen:

1. Eine verstärkte Individualisierung resultiert aus der Krise der Reproduktion der Klassen, wobei auf der einen Seite eine „Autonomie“ des Individuums erzeugt wird (die ganzen „Befreiungen“), aber zugleich auch seine Isolierung und eine neue Entfremdung: Seine neue Subjektivität wird wesentlich in der Form des willigen Sklaven und Konsumenten vom Kapital reproduziert.

2. Normalisierung findet auf zwei Ebenen statt: Auf der einen Ebene soll die aktive Bewegung gesellschaftlicher Insubordination kontrolliert werden, eine Normalisierung, die die Form offener Repression annimmt (Staatsterrorismus, Kriminalisierung der Kämpfe). Die zweite Ebene nimmt die Form einer miniaturisierten, vor allem aber selbstverwalteten sozialen Kontrolle an (Entwicklung der Informatik, der Mikroinformatik): Die einzige gesellschaftliche Norm, die noch verteidigt werden kann, ist die des Kapitals; alles andere ist dann nichts als Terrorismus, weshalb Illegalität nichts anderes als die Verweigerung dieser Norm bedeutet, eine Verweigerung, die sich nicht immer offen äußert oder frontal auftritt, gegebenenfalls aber in individuellen oder kollektiven Kämpfen sichtbar werden kann.

Anders ist es bei den Gruppen (RAF, „Action Directe“), die Illegalität und vor allem Klandestinität als Voraussetzung ihrer Tätigkeiten begreifen. Für sie ergibt sich die Notwendigkeit, diese partikulare Tätigkeitsform zu fetischisieren und schließlich zur einzigen revolutionären Aktivität zu erklären (vgl. z. B. das „Brana“-Kommuniqué: „Heute stellt sich nicht mehr die Frage, ob das notwendig ist oder nicht, gerecht oder ungerecht(!), sondern wie man seine revolutionäre Aktion, …eine revolutionäre, politisch-militärische Strategie entwickelt.“3).

Das Gleiche findet sich in der Erklärung des „Kommandos Pierre Overney“.4 Da heißt es ausdrücklich, die einzige Aufgabe der Revolutionäre sei es, in den Untergrund und zu den Gruppen des bewaffneten Kampfes zu gehen. Von daher klingen die Aufrufe, „eine kommunistische Organisation von den Fabriken und den Arbeitervierteln her aufzubauen“, auch wie politische Losungen. Sie sind stereotyp, vollkommen altmodisch und jenseits einer Praxis angesiedelt, die auf Grund ihrer Natur weder Fabrik noch Arbeiterviertel kennt!

Revolutionäre Gewalt und Terrorismus

Der Unterschied zwischen revolutionärer Gewalt und Terrorismus erscheint mir insgesamt nicht der Rede wert. Im allgemeinen basiert er auf früheren historischen Ereignissen und deren Interpretation durch die dominierende marxistische Theorie der Zeit. So verurteilte die sozialdemokratische Partei Rußlands den Terrorismus der Sozialrevolutionäre offiziell im Namen der Gewalt der Massen, um dann selbst im Namen eben dieser Massen den roten Terror gegen die Sozialrevolutionäre zu praktizieren, die für sie inzwischen konterrevolutionär geworden waren.

Dieser Unterschied beruht also auf Formen der politischen Legitimation von Gewalt, die nach Ort und Zeit variieren. In Wirklichkeit entsprechen der revolutionären Gewalt und dem Terrorismus oft identische bzw. austauschbare Handlungsweisen und Tatsachen. Mit der Etablierung eines demokratischen Konsenses, der sich als bruchlos ausgibt, dient der Begriff des Terrorismus in den westlichen Ländern jetzt dazu, politisch das Böse zu bezeichnen, den Bruch mit diesem Konsens zu benennen. Wenn die Bedeutung dieses Begriffs zuweilen sehr großzügig ausgelegt wird (so ist die Rede vom „Staatsterrorismus“, vom Terrorismus der Medien und extremistischer Gruppen, von „sprachlichem Terrorismus“, vom Terrorismus der Streikenden gegen die „Gelben“ oder gegen die zu „Geiseln“ gemachten Konsumenten), so bezeichnet er jedes Mal den physischen oder quasi physischen Druck einer Minderheit, die durch ihr Wissen, ihre Position in der ökonomischen und sozialen Struktur oder ihre politische Machtposition ihren Willen bzw. ihre Herrschaft der Mehrheit - dem „Volk“ - aufzwingt. So findet die Bezeichnung „Staatsterrorismus“ einzig auf „totalitäre“ Staaten Anwendung, aber natürlich nicht auf den italienischen Staat der „Strategie der Spannung“ oder auf den französischen Staat der „Rainbow Warrior“-Affäre.

Gleichwohl bezeichnet Terrorismus heute meistens eine Form sozialer Gewalt, die der demokratische Staat zur extremsten und am wenigsten zu duldenden Form der Gewalt partikularisiert, da sie in der Epoche der integrierten sozialen Widersprüche gegenstandslos sein soll. Diese Gewalt stellt sich also als im eigentlichen Sinn antisozial heraus, insofern sie nämlich von außerhalb der sich zunehmend vereinheitlichenden kapitalistischen Gesellschaft zu kommen scheint. Die gegenstandslose Gewalt (der bewaffnete Kampf in einem demokratischen Land) und die „blinde“ Gewalt (der Terrorismus) werden also als Werk einer Handvoll Individuen angesehen, die völlig „abgehoben von den Massen“ agieren. Denn in einer Gesellschaft kann selbst die Gewalt akzeptiert werden, wenn sie legitimiert ist (die Legitimation der Gewalt ist die Voraussetzung jeder Normalisierung), was unter anderem durch ihren Massencharakter gegeben sein kann. Es wird folglich unterschieden zwischen der zwar bedauerlichen, aber gerechten Gewalt der Masse bzw. der Klasse und der abenteuerlichen einer Handvoll Individuen.

Was aber unterscheidet die nicht-terroristische Gewalt der Stahlarbeiter von Longwy oder von La Chier5 von der „terroristischen“ Gewalt der „Action Directe“? Sicher nicht das tatsächliche Gewaltniveau, noch auch die Gefahr, die diese Gewalt für den Staat bedeuten könnte. Da die Individuen sich selbst nie als „Terroristen“ bezeichnen, liegt der Schluß nahe, daß es sich dabei um ein vom Staat und den Medien fabriziertes Etikett handelt, mit dem Zweck, die Revolte zu partikularisieren, zu individualisieren, und letztendlich jede individuelle Revolte als Terrorismus abzustempeln.

Von daher ist der behauptete Unterschied zwischen den „Terroristen“ der „Action, Directe“ und der alles in allem verständlichen Gewalt von Einwohnern einer absterbenden Region leicht nachzuvollziehen, denn diese Gewalt bleibt auf eine Region beschränkt (die Revolte mit ihren regelmäßigen, also kontrollierbaren Demonstrationen und militanten Auseinandersetzungen findet in einer geographischen Enklave statt) und sie bleibt im Rahmen der Verteidigung der proletarischen Lebensbedingungen: Als solche ist sie zwar archaisch, aber normal und zeitlich begrenzt. Sie kann jeden Augenblick einschlafen, da sie partikular ist, und wenn die Bedingungen ihres Auftretens verschwinden, löst sie sich auf (so wird der alte Arbeiter aus Longwy z.B. aufgrund des Sozialplans Kleinkrämer). Die Weigerung, sich grenzenlos ausbeuten zu lassen und die Kämpfe um das Recht auf Arbeit erscheinen, selbst wenn sie gewalttätig sind, als Notwehraktionen, während die von Individuen ausgeübte Gewalt gegen die Gesamtheit der Gesellschaftsverhältnisse als monströs erscheint, denn schließlich sind die Individuen frei! Wenn die Gewalt ausufert und sowohl den Rahmen einer Region als auch die Verteidigung proletarischer Lebensbedingungen überschreitet, wird sie kriminalisiert (siehe Italien).

Wie wir in den bisherigen Ausführungen gesehen haben, ist die Frage nach der Differenz zwischen revolutionärer Gewalt und Terrorismus eine falsche Fragestellung. Die einzig richtige Frage ist die nach den Verhältnissen zwischen sozialer Gewalt, Revolte und Revolution auf der einen und den Verhältnissen zwischen sozialer Gewalt und Legitimität auf der anderen Seite. Die Schwierigkeit rührt daher, daß diese Verhältnisse nicht in abstracto analysiert werden können, sondern nur innerhalb eines bestimmten Gesellschaftsverhältnisses. Nur so können diese Verhältnisse nachgezeichnet und verdeutlicht werden.

Traditionell nahm die soziale Gewalt zwei Hauptformen an: Die millenaristische Gewalt der vorkapitalistischen Revolten und die revolutionäre Gewalt der Bourgeoisie oder des Proletariats in der modernen Geschichte. Beiden Formen lag eine legitimatorische Transzendenz zugrunde. Bei der millenaristischen Gewalt handelte es sich darum, an der Wiederkehr des Reichs Gottes auf Erden zu arbeiten; die revolutionäre Gewalt legitimierte sich unter Berufung auf die Vernunft: Eine Minderheit, die als Träger der höheren Interessen der Revolution bzw. der Gesamtgesellschaft auftritt, soll alle Menschen auf ein höheres Niveau der Menschheitsgeschichte heben. Die hier beschriebene Gewalt versteht sich entweder als Vollendung der Geschichte (bürgerliche oder proletarische Gewalt) oder aber als Negation der Geschichte (millenaristische Gewalt). Marx hat auf theoretischer Ebene sogar versucht, eine Synthese dieser beiden Bestrebungen herzustellen und dem Begriff des Proletariats millenaristischen Atem eingehaucht: das Proletariat als eine „Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft“ ist.6 Bezüglich der Gewalt konnte diese Fusion von „fortschrittlicher“ und „millenaristischer“ Gewalt zu einem Mythos der befreienden und reinigenden Gewalt führen, einer Gewalt, durch die die sie ausübenden Individuen und Klassen mit ihrem Sein zur Deckung kämen. So fiel für ganze Generationen von Revolutionären das Sein des Proletariats mit seinem Revolutionärsein zusammen, während seine Realität mit der Arbeiterklasse identisch war, was als eine zwar notwendige, jedoch ziemlich uninteressante Grundlage des proletarischen Seins aufgefaßt wurde. Nach und nach löste sich dieser Mythos der Gewalt von jeglichem präzisen Inhalt, wie z. B. bei Georges Sorel, dem es vor allem um die Formen revolutionärer Gewalt ging (Er ist der eigentliche Ideologe des „großen Tages“!). Diese Loslösung hatte zur Folge, daß der Mythos der Gewalt sowohl bei revolutionären Bewegungen (vor allem in den anarchistischen Konzeptionen) wie auch bei konterrevolutionären Bewegungen (bei den italienischen Faschisten und der deutschen SA) Anklang fand.

In allen diesen Fällen wurde die Gewalt nur selten auf die sie praktizierenden Gruppen oder Individuen bezogen. Genausowenig wurde darauf eingegangen, in welchem notwendigen Zusammenhang die Praxis der Gewalt mit den sonstigen konkreten Kampfformen steht. Weil diese alten Legitimationsformen der Gewalt in Frage gestellt sind, und zwar nicht nur durch „das System“, sondern auch durch das Gesellschaftsverhältnis, dessen Teil wir sind, erscheint jede Gewalt außer der staatlichen heute tabu: Sie hat keine historische Grundlage mehr, keine vorgängige Legitimation und es gibt keine „Sache“ mehr, für die es sich lohnen würde, zur Gewalt zu greifen. Und auch die auf den bewaffneten Kampf „spezialisierten“ Gruppen können diesem Widerspruch nicht ausweichen; sei es, daß ihre Gewalt sich, wie bei den „Brigate Rosse“7 oder der „Action Directe“ unter Berufung auf Vergangenes, d.h. die „Sache“ oder die Klasse, zu rechtfertigen sucht, sei es, daß der Widerspruch - sofern das Neuartige der derzeitigen Lage begriffen wird - wie bei der RAF seine Aufhebung in der Transzendenz der reinigenden Gewalt findet. Daß die Gewalt keine Legitimationsgrundlage mehr hat, heißt aber noch lange nicht, daß sie nicht mehr gerechtfertigt wäre oder sich pädagogisch rechtfertigen müsse. Sie muß sich nicht glaubwürdig ausweisen, denn ihr einziges Gegenüber ist das „Publikum“ der modernen Demokratien, die einen regelrechten Prozeß der Verinnerlichung von Gewalt entwickelt haben. Gewalt ist zur Zeit ganz einfach eine Form der Antwort auf die praktische Unmöglichkeit effektiver „Opposition“; sie wird von Individuen ausgeübt, die sich allein oder kollektiv der Zurichtung durchs Kapital verweigern.

Die Position der „Action Directe“, wie sie in den Erklärungen „Brana“ und des „Kommandos Pierre Overney“ zum Ausdruck kommt, steht am Ende eines langen Weges, der von Zweifeln und Widersprüchen geprägt ist. Anfangs bezog sich die Bewegung „Action Directe“, die acht Jahre nach der Auflösung der „Gauche Prolétarienne“ in Erscheinung trat, nicht auf die maoistische Bewegung; ihr Ausgangspunkt war eher libertär. Die theoretische Analyse der Gruppe war grobschlächtig und eklektizistisch: ein bißchen libertär, ein bißchen antifaschistisch, ein bißchen antizionistisch, ein bißchen Alltagsbetroffenheit. Diese „Autonomie à la française“ äußerte sich in der Unterstützung oder Organisierung von sozialen Kämpfen an den Rändern der Gesellschaft (Hausbesetzer, Knäste, rechtlose Ausländer wie die Türken). „Action Directe“ entwickelte sich im Umfeld einer sympathisierenden „autonomen“ Bewegung, die vor allem in Paris einiges Gewicht hatte. Was ihre theoretischen Vorstellungen anging, so erinnerten sie an die der italienischen „Prima Linea“8 in ihrer Anfangsphase und an den „Bewegungs“-Flügel der „Brigate Rosse“, mit dem Unterschied, daß die soziale Bewegung in Frankreich weit schwächer entwickelt war als in Italien. Die französische „Autonomie“ ist nicht das Ergebnis einer Bewegung, die sich gegen alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens richtet; sie kann sich nicht auf irgendwelche radikalen Arbeiterkämpfe stützen; es gibt kein französisches FIAT, an dem man sich hätte entlanghangeln können, nur einige Longwys und Täler von la Chiers! Trotz ihrer Gewalttätigkeit sind diese Kämpfe nie über die bloße Verteidigung der proletarischen Lebensbedingungen hinausgekommen.

In Frankreich ist die „Autonomie“ vor allem eine Autonomie gegenüber den Gauchisten und der Linken.9 Da die Auflösung der Klassen weiter fortgeschritten ist als in Italien, fehlt dieser Bewegung die Möglichkeit, innerhalb einer umfassenden, kollektiven Kampfbewegung an Stärke zu gewinnen.

Von Anfang an beschränkte sich ihr Tätigkeitsfeld auf die Verwaltung prekärer Lebensbereiche (Hausbesetzungen) und militante Aktionen gegen den Staat: Gewalt auf der Straße und während der Demonstrationen; eine Gewalt, die sich schon bald dadurch auszeichnete, daß sie sich in einem von den Hauptdarstellern vorab festgelegten Rahmen abspielte. In diesem Sinne war die militante Demonstration von Malville10 der Anfang vom Ende, denn da konnte und wollte der Staat seine Stärke und sein überlegenes Gewaltpotential demonstrieren, eine Gewalt, der gegenüber das Einschlagen einiger Pariser Schaufensterscheiben im Laufe von Demonstrationen als ziemlich hilflos erscheint.

Diese Situation der Ohnmacht veranlaßte einige Autonome, sich zu organisieren und ihre Aktionen zu militarisieren, um dem Staat eine reale, wenn auch begrenzte Gewalt entgegenzusetzen: Das war die Geburtsstunde von „Action Directe“. Sie gründete sich unter schwierigen Bedingungen, denn die Basis der Bewegung schrumpfte immer weiter zusammen. Nach dem Scheitern von einigen Aktionen wie z.B. den Hausbesetzungen und der Kriminalisierung durch die Polizei, gab sie einige ihrer alten autonomen und auf Frankreich beschränkten Ziele auf, um sich international auf antiimperialistisch-antizionistischer Basis neu zu organisieren. So fand sie sich mit den Überlebenden der „dritten Generation“ der RAF zusammen.

Die Erschießung von Besse mag angesichts dieser neuen Linie wiederspruchsvoll erscheinen. Tatsächlich war diese Linie vor allem taktisch begründet. Zwar versuchte die Gruppe ihre nationale Isolation zu durchbrechen, aber ihre Strategie war weiterhin sehr stark von den Besonderheiten der französischen Situation geprägt. Für das „Operationsziel Besse“ lassen sich zwei entscheidende Gründe vorbringen: Zum einen war Besse Generaldirektor der Renault-Werke und zum anderen verkörpern bzw. verkörperten die Renault-Werke den Mythos von einer Bastion der Arbeiterklasse. Damit nahm die „Action Directe“ erstmals auf die traditionelle Arbeiterklasse Bezug und stellte sich in die Tradition der „Gauche Prolétarienne“ von Anfang der siebziger Jahre (im Namen des „Kommandos Pierre Overney“ kommt dies deutlich zum Ausdruck).

Somit lassen sich einige Gemeinsamkeiten von „Gauche Prolétarienne“ und „Action Directe“ festmachen: Beide beziehen sich rein äußerlich auf die Klasse, sei es, um auf die „Etablierten“ einzuwirken, sei es, um die Klasse zu rächen (wie im Fall der Aktionen gegen Nogrette11 und Besse); beide handeln anstelle einer Klasse, deren Realität niemals wirklich analysiert, geschweige denn in Frage gestellt wird; beide sind unfähig, sich in der eigenen Aktion als Subjekt zu äußern (was eher das Problem des politischen Willens als das Problem der Revolte ist!); und beide sind unfähig klarzumachen, daß nicht für eine Sache bzw. für die „Anderen“ gekämpft wird, sondern daß der Kampf für die Individuen die einzige Möglichkeit ist, als Subjekte zu existieren.

Dennoch gibt es zwischen „Gauche Prolétarienne“ und „Action Directe“ auch wichtige Differenzen: Die „Gauche Prolétarienne“ begriff ihren Kampf als integralen Bestandteil einer Bewegung, die auch außerhalb von ihr selbst Realität hatte (wilde Streiks, Kämpfe der Ausländer, Absentismus, Sabotage). Ihre Praxis konzentrierte sich auf die legale Arbeit innerhalb der Massen, während der bewaffnete Kampf nur eine untergeordnete, alles in allem symbolische Rolle spielte. Außerdem unterlag die militärische Abteilung stets der Kontrolle der politischen Leitung der Organisation und wurde von ihr schließlich sabotiert.

Bei der „Action Directe“ hingegen bilden politische und militärische Abteilung eine Einheit, wobei die direkte Aktion die implizite Anerkennung des Niedergangs der traditionellen Kampfbewegungen ist. „Action Directe“ braucht also in diesen Bewegungen keine Verankerung mehr zu suchen, sondern bringt auf ihre Weise zum Ausdruck, daß der Kampf weitergeht. Da sie außerdem mit keinerlei Kampfbewegungen mehr in Zusammenhang stand, konnte sie ihre Aktionen auch nicht mehr am Stand der Bewegungen einschätzen. Andererseits verstärkte sie damit ihre organisatorische und praktische Autonomie, was auf Kosten einer Analyse der Gründe dieser Autonomisierung ging. So bildet sich zunehmend ein Mißverhältnis heraus zwischen der Realität dieser Autonomie einerseits und zunehmend auftrumpfenden, leninistischen Stellungnahmen andererseits. Letzeren kommt dabei eine Ersatzfunktion zu: was nicht als Autonomisierung von der praktischen Bewegung gedacht wird, wird einfach nur als Isolation empfunden.

Theorie und Praxis von „Action Directe“ angesichts industrieller Umstrukturierung

Von ausschlaggebender Bedeutung ist die Umstrukturierung der Renault-Werke aufgrund ihrer alten Position als Arbeiterbastion, in dem doppelten Sinn, daß dort eine Masse von Arbeitskräften konzentriert ist und die Macht der Gewerkschaften - vor allem der kommunistischen CGT - konzentriert auftritt. Die Umstrukturierung von Renault stellt sich daher als Test auf die Umstrukturierung der gesamten französischen Industrie dar und wird obendrein vom Staat in einem seiner eigenen Unternehmen vorangetrieben.

Die Umstrukturierungen der achtziger Jahre ziehen drei entscheidende Konsequenzen nach sich. Zunächst einmal eine Transformation des Produktionsprozesses.

Im Gegensatz zur klassischen Fabrik, wo der Produktionsprozeß vor allem Arbeitsprozeß ist, kommt er in Zukunft mit dem Prozeß der Verwertung zur Deckung.

Die Zeitökonomie beruht hauptsächlich auf der Ertragssteigerung durch das fixe Kapital: Die ganze Personalpolitik der Unternehmen (Prekarisierung, Flexibilisierung) wird diesem Ziel untergeordnet. Diese immer größer werdende Macht der toten Arbeit über die lebendige nenne ich die Bewegung der Entsubstantialisierung der Arbeitskraft, die der Utopie des Kapitals entspricht, ohne den Menschen auszukommen. Dies wird - zweitens - von einer Infragestellung des Sozialstaates begleitet (Reduktion der Staatsknete, Privatisierung eines Teils der staatlichen Unternehmen, Senkung des Werts der Arbeitskraft), denn ein neuer, beständiger Aufschwung der Akkumulation läuft über eine interne Neuformierung des Lohnverhältnisses, das heißt über die Verwandlung von unproduktiver Arbeit in produktive, mehrwertschaffende Arbeit.

Von daher zerbricht - drittens - das Rückgrat des alten Kampfzyklus, dessen wesentliches Ziel die Aufhebung von Ungleichheiten war und der einen nicht zu unterschätzenden vereinheitlichenden Aspekt in sich trug. Mit diesen Veränderungen scheint der „Gesamtarbeiter“ selbst durch eine verstärkte Individualisierung des Arbeitsprozesses (Löhne, Stellenbeschreibung usw.) in Frage gestellt zu sein. Mit der Zurückdrängung der Gestalt des „Gesamtarbeiters“ sieht sich die Strategie der „Befreiung der Arbeit“ (Strategie der „Arbeiterautonomie“) widerlegt. Es bleiben nur noch die Gewerkschaften, die damit fortfahren, die unmögliche Befreiung der Arbeit zu behaupten, und die in ihrem Versuch, auf die Krise zu antworten, die autonomen Forderungen des politischen Lohns auf den Kopf stellen und die gesellschaftliche Verwaltung der Krise und der Arbeitslosigkeit akzeptieren.

Aber diese Versuche stoßen immer mehr auf Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit, sogar innerhalb der „Arbeitswelt“. Immer öfter wird von einem Verschwinden des Klassenbewußtseins gesprochen, was aber, wenn damit das Verschwinden des Produzentenbewußtseins und der Arbeit als wesentlicher menschlicher Tätigkeit bezeichnet werden soll, ziemlich abstrakt klingt. Was dieses Bewußtsein ausmachte (Beruf, Facharbeiterwissen und Gewerkschaftsleben) wird durch die reelle Subsumtion unter das Kapital unterminiert. Daraus entsteht eine widersprüchliche Situation: Auf der einen Seite Proletarier, in deren unmittelbarem Bewußtsein zum Ausdruck kommt, daß das gesellschaftliche Verhältnis sich nicht ohne Arbeitskraft reproduzieren kann, und die, ausgehend von einer relativ „gesicherten“ Situation, krampfhaft ihre Errungenschaften verteidigen; auf der anderen Seite ein Arbeitskräftepotential, das zumeist aus jungen Leuten am Rande des Produktionsprozesses besteht, in deren Verhalten bzw. Kämpfen das unmittelbare Bewußtsein dieses äußerlichen Verhältnisses zum Ausdruck kommt.

Die Krise des gesellschaftlichen Verhältnisses weitet sich somit zu einer Krise des Verhältnisses Individualisierung/Vergesellschaftung aus. Die Rolle der Arbeit als vereinheitlichendes Prinzip geht zu Ende und der Zerfall des Arbeitswerts nimmt mehr oder weniger direkte Formen an: Verachtung aller Formen von Arbeit, Verweigerung von abstrakter Arbeit, was oft die Form der Wiederaufnahme alter Produktionsweisen (Handwerk) annimmt oder die „Alternativen“ („Biofreaks“) mit sich bringt, fehlendes Engagement in der Arbeit und Entwicklung von Ersatzaktivitäten (diffus künstlerischer Art, Heimwerkelei usw.). Gerade dieser in seiner Isolierung integrierte, „marginalisierte“ Bereich wird reaktiviert und im Rahmen der Umstrukturierung neu belebt. Dies ist etwa der Fall in Italien mit der „Schattenwirtschaft“ und in der BRD mit dem unglaublichen Aufschwung des „alternativen“ Sektors.

Die Umstrukturierung kann nur begriffen werden, wenn man das Zusammenspiel sieht zwischen einerseits einem Sektor absoluter Mehrwertauspressung samt der Herausbildung einer neuen Reservearmee und andererseits einem „modernen“ Sektor der relativen Mehrwertauspressung (Automatisierung, Informatisierung). Die Entwicklung solcher marginalisierter Sektoren ist ein Element der Reaktivierung absoluter Mehrwertproduktion. Was die Informatisierung der Produktion und des täglichen Lebens betrifft, so produziert sie die Rahmenbedingungen des Tertiarisierungsprozesses.

Zwar ist das Gewaltniveau der derzeitigen Umstrukturierungen nicht höher als bei anderen Umstrukturierungen, die die kapitalistische Gesellschaft in der Vergangenheit durchgesetzt hat (Heranbildung der Arbeitskraft, Subsumtion unter die Lohnarbeit, Zerstörung der alten Lebensweisen, Bekämpfung von Landstreicherei etc.), aber ihre Ausgangsbasis ist heute eine andere. Die Umstrukturierungen der Vergangenheit betrafen Veränderungen des Arbeitsprozesses im Sinne einer zunehmenden Verallgemeinerung, einer sowohl extensiven wie intensiven Entwicklung des Arbeitsprozesses. Letztendlich ging die Arbeiterklasse aus diesen Umstrukturierungen stärker und organisierter hervor. Anders gesagt: Innerhalb des gesellschaftlichen Verhältnisses entwickelten sich Kapital und Arbeit in ein und derselben Bewegung als Produkt des Kampfes zwischen diesen beiden Polen.

In den derzeitigen Umstrukturierungen steht dagegen die zunehmende Entsubstantialisierung der Arbeitskraft im Zentrum der Veränderungen, was gewissermaßen schon immer die Utopie des Kapitals war. Im Zentrum steht auch die Umkehrung der Grenzen des alten Kampfzyklus, was auf Folgendes hinausläuft: Die Verweigerung der Arbeit, die einer Flexibilisierung vom Standpunkt des Proletariats aus entspricht, wird zu einer Flexibilisierung vom gesamtgesellschaftlichen Standpunkt aus umgebogen (veränderte Arbeitszeiten, Teilzeit, prekäre Arbeit usw.).

In Frage gestellt sind also einerseits die Arbeiterklasse als antagonistische Klasse und andererseits die Arbeit als Produzentin des Werts. Die Unmöglichkeit, in relativer Autonomie (Beruf, Fachwissen, Erfahrung) gegenüber dem Pol des Kapitals zu existieren, äußert sich als sogenannte „Identitäts“-Krise. Ihr ist die Arbeiterklasse ausgesetzt und sie bringt sie auch dazu, zuweilen für diese Identität zu kämpfen, d. h. für die Verteidigung der proletarischen Lebensweise. Die außergewerkschaftliche Form, die diese Verteidigung annimmt (die Koordinationen der Eisenbahnarbeiter in Frankreich, die „cobas“12 in Italien, die Vollversammlungen in Spanien), sind keineswegs ein Zeichen für ein höheres Bewußtsein über die Rolle der Gewerkschaften als Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre. Sie drückt vielmehr die Anerkennung einer neuen Situation aus. Dazu ist Folgendes zu sagen: Die Gewerkschaften, die sich in den Tarifverhandlungen über das Verhältnis von Produktivität und Löhnen immer weniger durchsetzen können, sehen sich als Verteidigungsorgane der proletarischen Lebensbedingungen in Frage gestellt. Dies erklärt, warum in den letzen Jahren bei Usinor-Dunkerque, Air France, bei den Banken, der Post neue Organisationen13 auftauchten, die sich während der Kämpfe gegen die Umstrukturierungen von der Gewerkschaftsbewegung freimachten, danach aber, da sie überleben wollten, in quasi gewerkschaftliche Gruppen verwandelten. Die Koordinationen, die von den französischen Eisenbahnarbeitern im Winter 1986 initiiert wurden, folgten in etwa derselben Logik der Verteidigung proletarischer Lebensbedingungen, mit dem Unterschied allerdings, daß sie sich innerhalb dessen, was man gewöhnlich die ’Aristokratie der Schiene’ nennt, entwickelten. In ihrem Selbstverständnis als Einpunktbewegung, die sich nach vollbrachter Tat wieder auflöste, bildeten die Koordinationen keine Verhandlungsorgane in Konkurrenz zu den Gewerkschaften; vielmehr stellten sie einen Versuch dar, eine verlorengegangene Identität - die Facharbeiteridentität - wieder herzustellen. Sie verstanden sich als ein Mittel, Beziehungen zwischen zunehmend entgesellschafteten Individuen neu zu schaffen.

Dieser Wille zur Neuzusammensetzung/Neuvergesellschaftung drückte sich im gemeinsamen Streik wie auch in der gemeinsamen Wiederaufnahme der Arbeit aus. Dieser Aspekt der Identität hat den Sieg über den Aspekt der Revolte davongetragen, wie die Verhaltensweisen einiger Eisenbahner deutlich zeigten. Denn die entschlossene Minderheit, die ohne zu zögern die Arbeitsmittel sabotierte, konnte sich nicht aus dem Widerspruch lösen, daß sie nur als Avantgarde einer Bewegung existierte, die die alte Gemeinschaft der Arbeiter liquidierte, auf deren Grundlage sie gleichwohl ruhte: Sie stellte keine neue Perspektive auf und konnte daher nur als ein Haufen Provokateure und unverantwortlich Handelnder erscheinen. Ihre eigene Kühnheit wuchs ihr über den Kopf und so löste sie sich schließlich auf.

Wir sind weit entfernt von der Analyse, wie sie „Action Directe“ in ihrer Erklärung des „Kommandos Pierre Overney“ von diesen Bewegungen anstellt. „Action Directe“ sieht in diesen Bewegungen eine Zuspitzung des Klassenantagonismus und sogar ein Zeichen für ein höheres Klassenbewußtsein der Arbeiter; ein Zeichen, das in dieser Logik einen qualitativen Sprung des bewaffneten Kampfes nach sich ziehen wird: die Liquidierung von Besse.

„Action Directe“ sieht aber nicht, daß diese Umstrukturierungen Teil einer allgemeinen Entwicklung sind, in deren Verlauf die alten Antagonismen und Klassen zerstört werden. Damit wird auch klar, was an diesen Bewegungen - im Wortsinn - reaktionär ist: Sie kämpfen insgesamt für den status quo ante, obwohl es natürlich richtig ist, daß jede Bewegung immer über ihre bewußt gesteckten Ziele hinausgeht, und nicht auf einen eindeutigen Sinn festgelegt werden kann.

Klar wird damit auch - und zwar jenseits des Selbstverständnisses von „Action Directe“ - warum es solche Gruppen überhaupt gibt. Grosso modo glaubt „Action Directe“ für etwas zu kämpfen, was es nicht mehr gibt: die Klasse als antagonistische Kraft; andererseits hängt aber ihre Existenz als Gruppe unter anderem genau mit dieser Liquidierung der alten Arbeiterbewegung zusammen.

Es gibt also keinen direkten Zusammenhang zwischen den genannten außergewerkschaftlichen Kampfformen und der Aktion gegen Besse. Der Identitäts-Reflex ist von einer Ablehnung all dessen begleitet, was dieser Identität äußerlich gegenübersteht, wobei diese Identität selbst durch den Arbeitsprozeß auf eine Gruppen-Identität reduziert ist (so waren die Eisenbahner gegen eine Ausweitung ihres Streiks; die Koordination der Lokführer weigerte sich, sich anderen Sektoren der SNCF anzuschliessen, sie weigerte sich, sich selbst als Teil der Arbeiterklasse zu verstehen).

Wenn man auch nicht von einem Zusammenhang reden kann, so doch von Komplementarität. Keiner der beiden Aktionstypen zielt darauf ab, das kapitalistische Gesellschaftsverhältnis abzuschaffen, sondern darauf, es zu moralisieren: Es soll durchgesetzt werden, daß die Rechte aller, auch der Arbeiter, respektiert werden.

Je nach dem können sich diese Aktionen also ergänzen (wie im Falle Besse, was übrigens der Vertreter der CGT bei Peugeot und andere Arbeiter öffentlich formulierten) oder widersprechen (so ging die Liquidierung von Audran14 in die entgegengesetzte Richtung, denn die Rüstungsindustrie ist einer der wenigen Bereiche der französischen Industrie, in der es keine Arbeitsplatzprobleme gibt). Ob sich diese Aktionen nun ergänzen oder widersprechen ist jedenfalls Sache des Zufalls und nicht Ergebnis der Strategie von „Action Directe“, die wie jede Strategie des bewaffneten Kampfes auf der Distanz zur praktischen Bewegung aufbaut.

Revolutionäres Engagement und Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft

Im folgenden werden einige grundlegende Veränderungen der kapitalistischen Gesellschaft angeschnitten:

1. Informatisierung und Automatisierung stellen auf der Ebene des Produktionsprozesses einen höheren Entwicklungsgrad der Arbeitsintensivierung dar. Doch setzt sich dies mittels einer Abwertung der schwächsten Kapitale durch (Zerstörung von Produktionsmitteln, endgültige Entsubstantialisierung der Arbeitskraft). Die weitere Verwertung setzt eine intensive Abwertung voraus (Weltmarkt), mit ungewissen Ergebnissen allerdings, da die erzielten Profitraten im Augenblick nur die Umstrukturierung einzelner Kapitale, aber keine allgemeine Umstrukturierung erlauben.

2. Auf der Ebene der Klassenverhältnisse vollenden diese Transformationen nur die „reelle Subsumtion unter das Kapital“, die die „Gemeinschaft der Klassen“ durch die „Gemeinschaft des Kapitals“ ersetzt sieht.15

Konkret heißt dies, daß wir auf der einen Seite einen Kapitalismus ohne Kapitalisten haben: Die Bourgeoisie war nur vorübergehend notwendig während der „formellen Subsumtion unter das Kapital“ . Auf der anderen Seite haben wir zwar noch Arbeiter, Proletarier, aber ihre Vermittlung zur Klasse wird immer problematischer; daraus resultiert die Krise der Reproduktion der Klassen.16

Und wenn bestimmte Individuen noch gemeinsame Interessen haben können (wenn man darüber nachdenkt: ein grauenhafter Begriff, obwohl ganze Generationen von Revolutionären ihn gebrauchten!), dann im Rahmen einer Branche, was auch den Grund für die Rückkehr des Korporatismus in den Kämpfen bildet (dies bedeutet glücklicherweise nicht, daß alle Kämpfe auf Interessen basieren!). Also kann sich die Technokratie nicht als herrschende Klasse durchsetzen, denn sie ist nur ein gesellschaftlicher Teilbereich, dessen Einheit auf Spezialisierung beruht (Techniker der Ökonomie, der Politik, der Kernenergie, der Informatik etc.). Dies hindert sie daran, die Welt anders zu begreifen als in einer Anbetung der Technik.

3. Auf ideologischer Ebene veranlaßt die Propagierung dieser Technikvergötzung in den Medien die gesellschaftlich atomisierten Individuen dazu, die Technisierung als etwas für das Gesamtsystem absolut Notwendiges zu erdulden („Das ist nun ’mal der Fortschritt“). Zum anderen entwickeln sich aber auch neue „Verhältnisse“ zwischen den Menschen, ohne die das System vielleicht nicht mehr existieren könnte: Die Armseligkeit der zwischenmenschlichen Verhältnisse in der entwickelten industriellen Gesellschaft wird zunächst kommunikationstheoretisch problematisiert (die Kommunikations-„Wissenschaft“ löst die Soziologie langsam bei der Beschreibung des sozialen Geschehens ab und nimmt in der Hochschulausbildung einen immer wichtigeren Platz ein) und findet in der Verkabelung ihre Lösung (angefangen vom Neufranzösischen „ça me branche“17. bis zum Bildschirmtext des „Minitel“).

Daher der Niedergang des Unternehmens als eines Orts der Produktion, bei gleichzeitiger Entstehung einer Gesellschaftsfabrik und der Verwandlung des menschlichen Körpers in ein maschinenartiges Wesen.

Doch ist dies nur eine Tendenz, die durch die Tatsache widerlegt werden kann, daß die Individuen, um als solche zu existieren, gezwungen sind, gegen Bedingungen zu revoltieren, die sie praktisch nicht mehr selbst hervorbringen (die materielle Totalität des Kapitals), aber die sie als Grundlage ihrer Reproduktion verinnerlichen müssen (Normalisierungsprozeß).

Angesichts dieser Herausforderung sind Demokratie, Legalität, Illegalität und Kriminalisierung kein Gegenstand von Fragen, sondern Kampfmöglichkeiten. Wie sagte Fritz Teufel so schön aus der Zelle im Berliner Gefängnis: Illegalität und Kriminalisierung, „das kann jedem passieren, wie in Hundescheiße zu treten“.

Der Begriff des revolutionären Engagements im traditionellen Sinne ist nicht mehr aufrechtzuerhalten, denn er hatte nur im Rahmen der Theorie des Proletariats und seiner organisierten Avantgarde einen Sinn.

Mit Engagement ist ein Begriff bzw. eine Praxis bezeichnet, die sich rein äußerlich auf eine Klasse oder eine „Sache“ beziehen. Das engagierte Individuum gilt nichts für sich selbst; es ist einfach auf das Rad der Geschichte geflochten, welches sich für die jeweils „fortschrittliche“ Klasse dreht. Dieses Engagement verschwindet von heute auf morgen, und zwar sobald sich herausstellt, daß die Klasse bzw. die Sache, um die es geht, nicht revolutionär, integriert oder totalitär ist.

Die Alt-68er, die ihr Engagement aufgegeben haben, sind keine Verräter. Sie waren niemals revolutionär; sie haben sich einfach auf die Klasse oder die Sache verlassen, die für sie Zunkunft hatte und ihnen revolutionär schien. Und da die meisten schon immer „angepaßt“ waren, haben sie sich „eines besseren belehren lassen“ und sind in anderen Bereichen „aufgestiegen“.

Die revolutionäre Bestimmung dieses Engagements ist immer gleich äußerlich und heteronom; man kann also nur enttäuscht sein, wenn sich die Sache (die Revolution) nicht ereignet bzw. wenn die Klasse (das Proletariat) zu angepaßt und integriert ist. Aber daß das revolutionäre Engagement unterm Strich ein Mißgriff war, bedeutet nicht, daß kein Kampf mehr stattfinden darf, sei es nun auf theoretischem oder praktischem Gebiet.

Was aber zu fehlen scheint, ist die materielle Basis dieses Kampfes; und wenn es zwar richtig ist, daß man nicht von nichts ausgehen kann, so ist es doch vergebliche Liebesmüh, sich auf archaische Identitäten zu beziehen (die Klasse, den Beruf), die die Gesellschaft zunehmend wegmodernisiert, oder auf modernistische Identitäten, die sie als gleichgültige Austauschidentitäten extra hervorbringt (die „Jugendlichen“, die „Kumpel“).

In allen diesen Fällen bleibt die Identität den Individuen äußerlich, genauso wie ihnen ihre Individualisierung äußerlich ist, die wesentlich gesellschaftlich, sekundär individuell ist. Das Problem dieses Anspruchs auf Identität besteht darin, daß er auf keinerlei gesellschaftlichen Gegner trifft und sich daher darauf reduziert, diese Identität einzuklagen, die selbst nur durch die Anerkennung und innerhalb des herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisses existieren kann: Identität, Anerkennung und Menschenwürde werden also die eingeforderte Grundlage einer neuen Integration in das kapitalistische Gesellschaftsverhältnis.

So läßt sich auch das fast vollständige Verschwinden und selbst die Ablehnung des Begriffs der Utopie verstehen.

Diese Ablehnung von Utopien ist im übrigen etwas ganz und gar Einzigartiges: Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es keinerlei Projekt, keinerlei Transzendenz. Es ist, als ob die Menschen sich nur noch innnerhalb der Unausweichlichkeit des nun einmal so Gekommenen begreifen würden.

Traditionell betonte die Theorie den überhistorischen (Morus, Campanella) und illusionären Aspekt (der „utopische Sozialismus“) der Utopien; aber die Utopie behielt als konkretes Projekt vor allem außerhalb des Marxismus einen grundlegenden Wert (bei den Anarchisten, aber auch bei Ernst Bloch, der darunter eine unaufhebbare Opposition im Gegenwärtigen verstand, ein Sein-sollen, das diesem Gegenwärtigen widerspricht). Aber heute wird Utopie auf den vulgären Sinn von Unmöglichkeit, Verrücktheit und Jugendsünde reduziert. Das liegt daran, daß das Individuum im Gegensatz zu den Klassen keinen historischen Endzweck hat und deshalb auch keine andere Weltanschauung ausarbeiten bzw. entwerfen kann, sei es nun theoretisch, wie im proletarischen Programm oder mystisch, wie in den millenaristischen Bewegungen. Im gegenwärtigen Stadium der Individualisierung gibt es keine Idee einer anderen Welt, die von der Lage der Individuen ausginge. Identität, Menschenwürde und Anerkennung sind das Gegenteil von Utopie, denn sie sind Produkt der Normalisierung und führen nur zur Akzeptanz der Realität.

Hier genau liegt die Schwierigkeit: Das gesellschaftliche Verhältnis ermöglicht die Befreiung von alten Bestimmungen (Klasse, Geschlecht, Rolle), aber der Preis dafür ist eine Situation, in der die Individuen nur dann hoffen können, ihre eigenen sozialen Bindungen zu schaffen, wenn sie sich selbst direkt zum Gegenstand machen.

Jenseits von Stirner, der „seine Sache auf nichts gestellt“ hatte und den Situationisten, die sich auf ein „Unbefriedigtsein und einen unaufhaltsamen Wunsch zu leben“ stützten, müssen die Individuen die Zurichtung durchs Kapital wahrnehmen und sich ihr verweigern, vom Ausdruck ihrer Singularität zur Assoziation mit anderen Singularitäten in einem Kampf fortschreiten, der sämtliche Lebensbereiche betrifft. Sicherer Instinkt und Vorstellungsvermögen sind die Grundlage einer Verweigerung, die nicht mehr die Form des „Engagements“ annehmen kann.

Folgende Schlußfolgerungen glaube ich ziehen zu können:

1. Der Staat betrachtet sich stets als legitim, nur die Grundlage dieser Legitimität ändert sich: Im Rechtsstaat ist das Gesetz die Grundlage dieser Legitimität. Der Rechtsstaat in seiner vorherrschenden Form der parlamentarischen Demokratie duldet keine Diskussionen über sein eigenes Prinzip, denn das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens (Legitimation der Macht). Jede Infragestellung der Demokratie wird von den Verfechtern der besagten Demokratie mit abweichender Praxis gleichgesetzt. In einem zweiten Stadium wird jede abweichende Praxis unmöglich, da sie über den theoretischen und praktischen Rahmen der Herrschaftslegitimation im Rechtsstaat hinausgeht. Tendenziell wird sie an den Rand gedrängt und schließlich kriminalisiert, wie man am Beispiel der RAF in der BRD, der „guerilla diffusa“18 in Italien und der „Action Directe“ in Frankreich sehen konnte.

2. Während die alten Legitimationsformen eher durch Ausschluß und Repression („gefährliche Klassen“) funktionierten, gründet die heutige Legitimation auf Vereinnahmung und Normalisierung von gesellschaftlichen Gruppen und Individuen. Dies bringt den Konsens hervor, der nichts ist als ein ideologisches Übereinkommen darüber, daß es in der Gesellschaft keinen realen Antagonismus gibt. Die Verwaltung ersetzt die Politik. Wer sich der gesellschaftlichen Zurichtung unter Berufung auf seine Singularität verweigert, wer sich der gesellschaftlichen Befriedung unter Berufung auf die fortbestehenden Klassenantagonismen entzieht, wird auf den Index gesetzt. Ihm wird vorgeworfen, er spreche die Sprache längst vergangener Zeiten und handle aus „mörderischem Wahnsinn“ (vgl. die Anschuldigungen der Presse gegen „Action Directe“).

3. Das traditionelle Revolutionsmodell und das Verhältnis von Revolte und Revolution ist in Frage gestellt.

Tatsächlich beruhte die Revolution auf einem politischen Projekt, auf einer Partei oder auf organisierten politischen Gruppen, die innerhalb eines taktischen und strategischen Rahmens, einer abstrakten (in der Perspektive des bürgerlichen Humanismus) oder messianischen Vorstellung (das Proletariat als rettende Klasse in der kommunistischen Theorie) des revolutionären Subjekts operierten; die Revolte war nur eine schlecht kontrollierte, überflüssige Voraussetzung der Revolution, die stets versuchte, ihre eigene Legitimität durchzusetzen. Gerade dies ist nicht mehr möglich, da sich die Dynamik des Systems nicht mehr hauptsächlich von den Klassenantagonismen nährt, sondern tendenziell zur totalen Vergesellschaftung verdichtet. Folglich kommt es in zentralen Punkten zu einer Umkehrung: Die Verweigerung läuft dem politischen Projekt den Rang ab; das Individuum, das Einzelne, das Lokale tritt an die Stelle des Allgemeinen, des Weltweiten, das reale Sein an die Stelle des abstrakten Wesens. Die Revolte ist also nicht mehr nur Voraussetzung der Revolution, sondern hat einen Sinn in sich: Sie ist Verweigerung der Normalisierung und des Konsenses (und damit berührt sie alle Länder, einschließlich derer, die der kapitalistischen Entwicklung/Destrukturierung widerstehen). Sie kann unterschiedliche Formen annehmen wie den bewaffneten Kampf oder die „reflexive Illegalität“, Formen, die im übrigen nicht voneinander unabhängig sind.

4. Die Revolte kennt überhaupt keine Legitimität, denn die Kämpfe, in denen sie zum Ausdruck kommt, befinden sich eher in der Alegalität als innerhalb des Verhältnisses von Legalität/Illegalität, das von der staatlichen Legitimität definiert wird. Letztere kann entscheiden, ob sie diese oder jene Bewegung kriminalisiert, je nachdem wie sehr der Normalisierungsprozeß gestört wird. Die Revolten erkennen also überhaupt keinen Staat an, ohne daß sie im Staat immer ihren Hauptfeind sehen. Auch hieraus folgt eher Alegalität als Illegalität.

5. Die Verweigerung der Normalisierung und des Konsenses stützt sich immer auf Begriffe wie Unterdrückung und Entfremdung, nicht nur auf den der Ausbeutung. Letzterer ist nur ein Begriff unter vielen anderen, die das Subsumtionsverhältnis der Individuen unters Kapital bezeichnen.

6. Die Individuen müssen, um anders denn als bloße Produkte des gesellschaftlichen Verhältnisses, als neutrale Partikel zu existieren, einen neuen Zusammenhang von Besonderem und Allgemeinem suchen; was von ihnen selbst ausgeht (ihre Singularität) erlangt seinen ganzen Reichtum erst im Verhältnis zu anderen (der Gemeinschaft der singulären Individuen). Die Reaktivierung der Utopie als Ausdruck des Möglichen ist ein Weg in diese Richtung.

Individuum, Revolte und Terrorismus

„In den Händen des Staates heißt die Gewalt Recht.
In den Händen des Individuums heißt die Gewalt Verbrechen.“

Stirner, Der Einzige und sein Eigentum
„Was bringt es, wenn das Gewissen lebendig ist, der Arm aber tot?“
Musset, Lorenzaccio

1. Das Problem des Terrorismus und der Gewalt kann nicht am Kriterium ihrer Isoliertheit erörtert werden. Es geht also nicht an, die Gewalt einer Minderheit zugunsten einer wie auch immer gearteten Massengewalt zu verdammen, die meist mit der Gewaltpraxis der traditionellen Arbeiterorganisationen identifiziert wird. In der Geschichte der Arbeiterbewegung waren es oft gerade die „Terroristen“, die sich der Notwendigkeit des offenen Krieges gegen das kapitalistische Gesellschaftsverhältnis bewußt waren. Die Frage, ob sie sich dadurch vom Rest der Bewegung isolierten, stellten sie sich schon deshalb nicht, weil notwendig als isoliert erscheint, wer gegen den Strom schwimmt. Sie gingen sogar so weit, diese Isolierung als Konsequenz ihres Hasses auf die Gesellschaft für sich in Anspruch zu nehmen: „Das Individuum allein kann den Übergang der Zivilisation in den Sozialismus verwirklichen und in seiner Liebe und seinem Haß wendet es sich nicht an abstrakte ’Menschen’, sondern an potentielle Individuen.19 Das gleiche gilt für Individuen wie Libertad und Georges Darien.20Jenseits des Volkes gibt es Individuen, die Menschen, die außerhalb des Volkes stehen. Es ist unnötig, Namen zu nennen. Diese Namen machen Geschichte. Es sind die Namen all derer, die haßten, was zu ihrer Zeit existierte und die diesen Haß in die Tat umgesetzt haben… Eine Revolution ist ein Willensakt. Eine kleine Gruppe, ein Mensch allein kann eine Revolution machen.21 Und weiter: „Auf jeden Fall wird es alles andere als ein ’Sieg des Proletariats’ sein… Das arme oder reiche Proletariat, das Volk der Gebärmaschinen, das große Volk, das sich in kleinen Millionären und kleinen Hungerleidern verewigt, dieses Proletariat der Herrschaft und des Gehorsams hatte seinen Sieg schon… es bleibt nur die Niederlage abzuwarten.22

Wer heutzutage so argumentieren würde, würde für verrückt gehalten; seine Position würde entstellt. Sowohl von staatlicher, traditionell kommunistischer als auch von situationistischer Seite wird der Terrorist als manipuliert hingestellt.23 Das heißt: Das gesellschaftliche Verhältnis, welches das „freie“ Individuum produziert, muß es als autonome Subjektivität verneinen. Nichts darf von ihm selbst kommen, nichts ihm eigen sein; es ist also in dieser Sichtweise immer etwas dem Individuum Äußerliches, das seinen Übergang zum Terrorismus erklären muß, was den zusätzlichen Vorteil hat, es zu einem merkwürdig fremden Wesen zu machen, mit dem man sich im Alltag nur schwerlich identifizieren kann.

2. In der derzeitigen Phase der reellen Subsumtion unter das Kapital ist die Isoliertheit bzw. Vereinzelung der Individuen nicht bloß quantitativer, sondern gesellschaftlicher Art. Das Problem der Gewalt stellt sich daher auf der Ebene der jeweiligen Subjektivität der Individuen, selbst wenn dies beim Terroristen noch in widersprüchlicher Form auftritt:

Zum einen personifiziert er die letzte politische Form, in der sich die Gewalt des Klassenkampfes ausdrückt, des Kampfes einer Klasse um die Macht. Als Terrorist ist er gezwungen, seine individuelle Revolte einer traditionellen politischen Form unterzuordnen (die terroristische Gruppe, die kämpfende Partei), und insofern gehört er noch der Vergangenheit an. Zum anderen kommt darin gleichzeitig auch ein gewalttätiger Haß auf die Gesellschaft im allgemeinen zum Ausdruck, ein Haß, in dem das zum Kapitalpartikel neutralisierte vereinzelte Individuum seinen, wenn auch noch blinden Ausdruck findet.

Der Klassenhaß hat also dem Haß auf die die Möglichkeiten des Individuums zerstörende Gesellschaft im allgemeinen Platz gemacht. Die bewaffneten „Enteignungen“ können als eine Form der Wiederaneignung dessen erscheinen, was das Kapital den Individuen an potentiellem Leben und menschlichen Möglichkeiten entreißt; dabei besteht die Gefahr in der Mystifizierung solcher Praktiken, die oft zu nichts anderem führen als zur Organisation des Überlebens, wobei sich die Individuen damit zufrieden geben, ihr kleines Leben kleinlich zu verwalten.

3. Es geht nicht darum, sich gegen die Kriminalisierung von Kämpfen zu wenden, wie es einige Gruppen in Italien (Collegamenti) oder einige „dissociati“24 tun; dies wäre immer noch Politik und würde zeigen, daß man in dieser Kriminalisierung nichts als ein Manöver des Feindes und damit etwas dem Kampf Äußerliches sieht. Man muß sich klarmachen, daß in der Krise der reellen Subsumtion die Infragestellung des Sozialstaates ganz allgemein auf die Kriminalisierung der Verweigerungs- und Überlebenspraktiken, wie sie sich in den neuen Ghettos herausgebildet haben (proletarisierte studentische Jugend, Ausländer, Marginalisierte), hinausläuft. Die fehlende Unterscheidung zwischen legalem und kriminellem Kampf ist eine der Formen, die der Klassenkampf in der Phase seiner Hinfälligkeit annimmt. Die kurzlebige italienische Gruppe „Comontismo“ brachte dies auf den Nenner: „Krimineller Kampf gegen das Kapital!“ Gerade deshalb muß es möglich werden, einen konkreten Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen Kämpfen und den Kämpfen in den Gefängnissen herzustellen; wobei dieser Zusammenhang wesentlich nicht auf Solidarität beruhen kann, setzt diese doch einen diesen Kämpfen äußerlichen Standpunkt voraus. Übrigens handelt es sich gar nicht mehr nur um die Kriminalisierung dieser Kämpfe, sondern um den Versuch, den ganzen Alltag zu kriminalisieren. In Frankreich drückt sich das z. B. in dem Zwang aus, dauernd seinen Ausweis vorzeigen zu müssen, in der BRD in der allgemeinen Erfassung der Bevölkerung. Dies muß im Zusammenhang mit dem Anwachsen der Kriminalität und der Übervölkerung der Gefängnisse gesehen werden: Die Kriminalisierung des Elends und die computerpolizeiliche Normalisierung sind Teil einer allgemeinen Negation des Lebens.

4. Terrorismus und Gewalt sind ein Versuch, auf das, was heute in der materiellen Gemeinschaft des Kapitals als Unmöglichkeit der Revolte erscheint, eine Antwort zu geben. „Das Neue an der heutigen Situation, zehn Jahre nach ’68, ist die Unmöglichkeit überhaupt einer Revolte gegen das System. Männer und Frauen, die aus ihrem Raum und ihrer Zeit gerissen sind, sind unmittelbar einem Integrationsprozeß unterworfen. Bestenfalls kommt es noch zu Phänomenen von abweichendem Verhalten und Marginalisierung, die jedoch nach und nach von den Medien aufgesogen werden, wobei sie die ganze Explosivität dieses Verhaltens aufheben und mit der Norm verträglich machen, indem sie verkünden, alles sei möglich und die Differenz nötig. Wem angesichts einer solchen Gesellschaft unmittelbar das Kotzen kommt, dem bleibt nur ein Ausweg, um sich als anders, als Revolutionär zu behaupten und als solcher anerkannt zu werden… die Gewalt.25 Aber die immanente Logik der Gewalt und des Terrorismus führt zu „unnötigen“ Aktionen wie z.B. der Entführung von Mogadischu bei der RAF oder dem Tod Moros bei den „Brigate Rosse“. Auf seine Weise ist auch der Terrorismus integriert: als verselbständigte Form der Revolte und des Kampfes. „Der Terrorismus wird zum Ausdruck einer Gewalt, die der Gemeinschaft des Kapitals wesensgleich ist.26 und konsequenterweise wird er vollkommen antitheoretisch (vgl. die Terroristen der sogenannten „dritten Generation“). Da das kapitalistische gesellschaftliche Verhältnis zur Homogenisierung der Gesellschaft tendiert, bleibt dem „révolté“, will er seinem Bedürfnis bzw. seiner Wut, anders und unversöhnlich zu sein, entsprechen, nichts weiter als „blinde“ Gewalt übrig und genau das ist die Falle, die es zu vermeiden gilt.

Noch der unmittelbarste Wille, sich bei gleichzeitiger Veränderung der Gesellschaft zu verändern, kann sich in eine nichts als spektakuläre Gewalttätigkeit verrennen und seine revolutionäre Effektivität sabotieren. Hinter der schönen Geste der Zerstörung versteckt sich hier die Tendenz zur Selbstzerstörung. In ihrer frenetischen Bewegung fällt die Gattung nur allzu leicht dem ’Geist’ des Todes und des Selbstmordes anheim und dieser Geist ist nichts anderes als das Kapitalwesen.27 Diese Gewalt, die die Ablehnung der Homogenisierung kennzeichnet, geht auch in die zwischenmenschlichen Beziehungen der revolutionären „Gemeinschaft“ ein, und zwar als agressive Sprache, Polemik und als Zynismus: Auch hier wird die Gewalt des Kapitals wiederholt.

5. Der Terrorismus ist ein mißlungener Versuch mit gängigen Vorstellungen zu brechen, z.B. zu zeigen, daß der Staat nichts oder nichts mehr ist. Er ist das Zeichen dafür, daß die Politik am Ende ist, die in einer gegebenen Gesellschaft die Regeln und den Rahmen für die Auseinandersetzung und den Kompromiß zwischen den Klassen festlegt. „Der Terrorismus entsteht am Ende von historischen Phasen, wenn es schwierig wird, sich zurechtzufinden. Der Terrorismus am Ende des letzten Jahrhunderts war das Zeichen, daß die bürgerliche Gesellschaft am Ende war, was im Krieg 1914-1918 offensichtlich wurde. Der heutige Terrorismus verdeutlicht den potentiellen Tod des Kapitals.28

Das Scheitern dieses Versuches, mit den gängigen Vorstellungen zu brechen, wird deutlich, wenn man in Betracht zieht, daß die Staaten die Terroristen mit Hilfe der Medien zum Spektakel umfunktionieren. Der Terrorismus, der schon beschuldigt wurde, nur dem Kapital zu dienen und die Arbeiterkämpfe mundtot zu machen (so die Anschuldigungen sowohl der gemäßigten als auch der radikalen Linken), dient nun indirekt auch dazu, die Staatsideologie neu zu beleben, die angesichts der Krise traditioneller Vermittlungsinstanzen der Garant für eine gesellschaftliche Konsolidierung ist.

6. Die terroristische Gewalt unterscheidet sich von anderen Formen der Gewalt dadurch, daß sie zentralisiert, was oft genug nur spontane, diffuse und kurzlebige Gewalt war; sie möchte zudem politisch organisieren, was nicht mehr organisiert werden kann. Sie schreibt der Gewaltausübung strikte Regeln vor und verwandelt die individuelle, aktive Revolte dadurch in eine einfache, militärische Aktion. Die Organisation der Gewalt (die aufgrund der umfangreichen logistischen Vorbereitungen nur zum kleinsten Teil effektive Gewaltausübung ist), nimmt also die ganze Energie und Vitalität der ursprünglichen Revolte in Anspruch und gibt sich als das ganze Leben aus, wo sie doch nur ein Element des individuellen Kampfes des teilweise wiedergefundenen Selbstbewußtseins darstellt. Jedenfalls ist dieses Element der Gewalt im individuellen Kampf noch keine freie Tätigkeit, da sie sich gegen die Vermittlungsinstanzen des gesellschaftlichen Verhältnisses richtet, insofern reaktiver Art ist und sich ihren Zweck also nicht selbst setzt. Nicht einmal, daß sie überhaupt existiert, ist ein Akt der freien Entscheidung. Man muß sich selbst Gewalt antun, damit sie existiert und zwar sowohl als Moment der Selbstkonstitution wie auch als Moment der Selbstentäußerung.

7. Der Terrorismus ist eine Form, sich der Vereinzelung zu verweigern, allerdings auf Kosten der bereits erfolgten Individualisierung: daher die Notwendigkeit, von einem neuen Individuum auszugehen, das sich am besten in der Klandestinität ausbildet. Darin liegt die Bedeutung des endültigen Bruchs, ohne Möglichkeit, in das System zurückzukehren, den Ulrike Meinhof immer wieder hervorhob. Dieses Verweigern der Vereinzelung ist übrigens ein herausragendes Kennzeichen der Frauenbewegung, und es ist kein Zufall, daß viele Frauen sich am bewaffneten Kampf in der BRD und in Italien beteiligten und beteiligen29. Der Terrorismus setzt der gesellschaftlichen Individualisierung durch das Kapital eine politische Individualisierung entgegen, wobei die Klandestinität die Rolle eines Schutzwalls spielt: Die Klandestinität ist der Sprung ins Leere, sie ist der Punkt, an dem jede Umkehr unmöglich wird. Aber auch diese Individualisierung ist den Individuen noch genauso äußerlich: einzig die Vermittlung ist eine andere. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, im Terrorismus eine ganze Reihe von Elementen des traditionellen politischen Rüstzeugs zu finden: Hingebung an die „Sache“, Opferbereitschaft, Mitläufertum.

8. Die Revolte ist zwar nicht mehr nur eine negative Form des Handelns, ein Zeichen von hartnäckiger Opposition, aber sie findet nur selten Konkretisierungen, die in die Richtung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse weisen. Und genau darin besteht die Grenze unserer Kritik des Terrorismus und des bewaffneten Kampfes; sie führt indirekt dazu, „guter Revolte“ bzw. „guter Gewalt“ so etwas wie eine „böse“ (militärische, putschistische, avantgardistische) Gewalt gegenüberzustellen. Es besteht also die Gefahr, einer „makellosen“ Revolte, die um so „härter und gerechter“ auftreten kann, je abstrakter sie bleibt und je mehr sie sich als Revolte ohne Realisierungsmöglichkeit ihre elende Überlegenheit zugute halten kann, während sie in der Wirklichkeit an tausend nur allzu alltäglichen Kompromissen leidet, eine „entgleiste“ Revolte gegenüberzustellen, die nach der einfachsten Lösung, dem bewaffneten Kampf, greift. Diese Position würde verkennen, daß der Terrorismus die Form ist, die die Revolte annimmt, wenn sie um jeden Preis einen Ausweg sucht. Sich und der Gesellschaft Gewalt anzutun sind also Mittel, zu denen Individuen greifen, die überstürzt den Abgrund zwischen Revolte und Ausweg zu überwinden suchen, auch auf das Risiko hin, sich zu irren, denn die Revolte, die ihren Ausweg im Terrorismus findet, ist keine Revolte mehr. Sie organisiert sich, um standzuhalten und sich auszubreiten und der Aspekt der Organisation gewinnt die Überhand über Verhaltensweisen, wie sie der Revolte eigen sind. Somit ist der Terrorist derjenige, dessen Verhalten unscheinbar bleibt. Er ist das mittelmäßige Individuum par excellence und kann den Grund seiner Aktionen daher nur aus dem Blick verlieren.

 

Anmerkungen

1 – „Gauchiste“ ist zunächst einmal die französische Übersetzung von „Linksradikaler“ im Sinn von Lenins Polemik gegen die deutschen und holländischen Rätekommunisten. Nach 1968 wurde diese Bezeichnung dann von linksradikaler Seite polemisch gegen links von der KPF angesiedelte Leninisten (v.a. Trotzkisten und Maoisten) ins Feld geführt (A.d.U.).

2 – Die Gauche Prolétarienne entstand im September 1968, um die Bewegung des Mai ’68 in Frankreich weiterzuführen, an dessen Kraft sie im Gegensatz zu anderen Gruppen glaubte. Sie löste sich 1974 wieder auf (vgl. Gauche Prolétarienne, Volkskrieg in Frankreich?, Rotbuch 34, Berlin 1977) (A.d.Ü).

3 – Am 15. April 1985 verübte Action Directe einen Anschlag auf Guy Brana, den Vize-Präsidenten des französischen Arbeitgeberverbandes CNPF; der Anschlag schlug fehl. Das Kommuniqud zu dieser Aktion erschien auf deutsch in: zusammen kämpfen, Nr.7 (Juli 1986), S.4ff. (A.d.Ü.).

4 – Am 17. November 1986 wurde der Generaldirektor der Renault-Werke vom „Kommando Pierre Overney“ der „Action Directe“ ermordet. Das Kommuniqué erschien im Dezember 1987 in einer Sondernummer von zusammen kämpfen in deutscher Sprache (A.d.Ü.).

5 – 1978/79 reagierten die lothringischen Stahlarbeiter äußerst militant auf drohende Massenentlassungen. Dadurch erkämpften sie sehr großzügige Sozialpläne (A.d.Ü.).

6 – Siehe Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: MEW 1, S.390.

7 – Die Brigate Rosse entstanden wie die RAF aus dem Abebben der Studentenbewegung von ’68, und zwar im Jahr 1970. Im Gegensatz zu dieser waren die Brigate Rosse verhältnismäßig gut in der Arbeiterklasse verankert (so wurden immerhin 62 FIAT-Arbeiter aktive Rotbrigadisten). Im Lauf der Zeit sanken die BR allerdings auf das Niveau der RAF herab, mit der sie sich Mitte der achtziger Jahre zur „Front in Westeuropa“ zusammenschlossen (A.d.Ü.).

8 – Aus der Autonomia Operaia hervorgegangene italienische Guerilla-Organisation, die für ihre guten Kontakte nach Frankreich und zur Action Directe bekannt war (A.d.Ü.).

9 – Darunter sind im wesentlichen die sozialistische und die kommunistische Partei samt ihrer mehr oder weniger direkten Ableger zu verstehen (A.d.Ü.).

10 – Am 30./31. Juli 1977 fand im französischen Malville eine große internationale Demonstration gegen den Bau des schnellen Brüters „Super-Phénix“ statt, die von der Polizei blutig beendet wurde (vgl. Oliver Tolmein/Detlef zum Winkel, nix gerafft, Hamburg 1987, S.98-128) (A.d.Ü.).

11 – Nogrette war 1972 als leitender Angestellter bei Renault verantwortlich für die Ermordung des Maoisten Pierre Overney, der von einem Werkspolizisten erschossen wurde. Overney wurde dann von der Nouvelle Résistance Populaire, dem bewaffneten Arm der Gauche Prolétarienne, „gerächt“.

12 – Basiskomitees, die sich in den italienischen Eisenbahner- und Lehrerstreiks des Jahres 1988 gebildet haben (A.d.Ü).

13 – Nach dem Vorbild der Eisenbahnerstreiks, die auf die Studentenstreiks des Jahres im Herbst 1986 folgten, entwickelten sich neue Formen des Streiks mit Basiskomitees, die von den Gewerkschaften unabhängig waren. Usinor-Dunkerque: großes französisches Stahlwerk (A.d.Ü.).

14 – Der Nato-General Audran wurde am 25.1.1985 von einem Kommando Elisabeth van Dyck der Action Directe in Paris erschossen (A.d.Ü.).

15 – Gemeinschaft des Kapitals: Sie geht nicht von einer Gemeinschaft der Menschen aus, wie in einer natürlichen Gemeinschaft, sondern von der der Dinge: die Gemeinschaft begibt sich außerhalb der Menschen, sie ist die Funktion des Tausches. Dies kann geschehen, da das Kapital sich auf einer eigenständigen Grundlage bildete, die die alte ersetzte: das fixe Kapital. In diesem Stadium der Herrschaft der toten über die lebendige Arbeit sind die gesellschaftlichen Beziehungen vollkommen verändert und die endliche Umkehrung ist die, wo sie sich als Wesen konstituieren, die die materielle Gemeinschaft bilden (vgl. J. Camatte: Capital et Gemeinwesen, Paris 1976).

16 – Vgl. die Analyse zu dieser Problematik in: Jacques Wajnsztejn, Individu. Revolté et Terrorisme, Paris 1987.

17 – „Das macht mich an!“; wörtlich: „das schließt mich an“, an den neuesten Trend nämlich (A.d.Ü).

18 – Bezeichnung für eine Richtung der Stadtguerillabewegung, die im Gegensatz zu den bewaffneten Gruppen ohne starre Strukturen und im allgemeinen nicht aus der Illegalität operiert; in Deutschland vergleichbar mit den Revolutionären Zellen (A.d.Ü.).

19 – Ernest Coeurderoy (1825 - 1862), zit. in der Zeitschrift: L’Unique et son ombre, Paris 1983, S.9.

20 – Libertad, Le culte de la charogne, Paris 1973; Georges Darien, L’ennemi du Peuple, Paris 1972.

21 – Georges Darien, L’ennerni du Peuple, a.a.O., S.124.

22 – Ebd., S.130.

23 – Vgl. Gianfranco Sanguinetti, Über den Terrorismus und den Staat, Hamburg 1981.

24 – Collegamenti/Wobbly: In Mailand erscheinende Autonomen-Zeitschrift. „Dissociati“: Italienische Bezeichnung für Aussteiger aus Guerilla-Gruppen, die aber nicht zu Verrätern geworden sind (A.d.Ü.).

25 – Zeitschrift Invariance, Serie III, Nr.4 (Brignolles 1978).

26 – Ebd.

27 – Giorgio Cesarano, Manuel de survie, Paris 1981, S.73.

28 – Violence et domestication in: Invariance, Serie III, Nr.9 (Brignolles 1980).

29 – Vgl. Mara et les autres, Paris 1982 sowie: De fortes femmes, in: Les temps modernes, August 1979, S.377-383.